Der Träger trägt nicht mehr – oder: Warum Kommunen die eigentlichen Akteure der Bildungstransformation sind

Ein Interview mit dem Schulträger Erzbistum Berlin

Künstliche Intelligenz ist an Schulen angekommen - doch der Zugang zu digitalen Werkzeugen allein verändert noch keinen Unterricht. Zwischen sehr unterschiedlichen Ausgangslagen, vollen Kalendern und großer Neugier im Kollegium stellt sich für Schulträger die Frage: Was muss dazukommen, damit aus Technik tatsächlich Entwicklung wird? Im Interview berichtet Monika Klapczynski, wie das Erzbistum Berlin seine 24 Schulen begleitet, warum in ihren Fortbildungen auch gescheiterte Versuche zählen und weshalb die überzeugendsten Botschafter die Lehrkräfte selbst sind.

24 Schulen, 18 Standorte, rund 1.000 Lehrkräfte: Wie würden Sie Ihre Rolle jemandem erklären, der noch nie mit einem Schulträger zu tun hatte? Wo sind Sie Aufsicht, wo Ermöglicherin?

Ein Schulträger schafft die Rahmenbedingungen, in denen Schule ihren Bildungsauftrag gut erfüllen kann – und das geht weit über Gebäude und Technik hinaus. In der Medienbildung bedeutet das für uns, Orientierung zu geben, Strukturen zu schaffen und Schulen bei ihrer Entwicklung zu unterstützen. Aufsicht bedeutet dabei vor allem, einen verlässlichen Rahmen und gemeinsame Standards zu sichern. Meine eigentliche Rolle sehe ich aber klar auf der Seite der Ermöglichung: Wir wollen nicht vorgeben, wie Schule im Detail funktionieren muss, sondern gute Bedingungen schaffen, damit Schulen ihren eigenen Weg entwickeln können.

Ihre Schulen reichen von der Grundschule bis zum Gymnasium. Wie baut man Angebote, in denen sich die Neugierige aus der ersten Reihe genauso wiederfindet wie der vorsichtige Kollege?

Indem man unterschiedliche Ausgangspunkte zulässt und nicht versucht, alle über einen Kamm zu scheren. Wer schon viel ausprobiert hat, braucht andere Impulse als jemand, der sich gerade erst mit dem Thema beschäftigt. Deshalb setzen wir auf niedrigschwellige Einstiege, aber genauso auf Möglichkeiten zur Vertiefung. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass jede und jeder einen konkreten Anknüpfungspunkt für den eigenen Unterricht findet.

Mit fobizz haben Sie die technische Grundlage geschaffen – für Ihre Schulen ist der Zugang damit geklärt. Aber die Infrastruktur ist ja erst der Anfang: Was war für Sie der entscheidende nächste Schritt, damit daraus tatsächlich Veränderung wird?

Der Zugang zu einem Tool verändert noch keine Unterrichtspraxis – das war uns von Anfang an bewusst. Deshalb haben wir die technische Ausstattung mit Qualifizierung und einer konkreten Umsetzungsphase verbunden. Die Lehrkräfte sollten nicht nur lernen, was KI kann, sondern eigene Ideen entwickeln und direkt im schulischen Alltag erproben. Wir nutzen dabei fobizz-Tools in diversen Fortbildungen fast schon „nebenbei“, um Nutzungsängste abzubauen. Gleichzeitig bieten wir jedes Halbjahr eine prozessorientierte Weiterbildung an, die Kolleg:innen in mehreren Schritten und als Gruppe an Nutzung und Nutzen heranführt.

Der Kalender ist voll, die Themen vielseitig. Was brauchen Lehrkräfte Ihrer Erfahrung nach, damit sie bei einem Thema wie KI wirklich dranbleiben – und es nicht nach dem ersten Termin wieder im Alltag verschwindet?

Vor allem müssen sie erleben, dass das Thema ihnen im Alltag tatsächlich etwas bringt. Wenn KI nur ein zusätzlicher Punkt auf der Fortbildungsagenda ist, wird sie sich kaum dauerhaft etablieren. Wir brauchen deshalb Formate, die Zeit zum Ausprobieren, Reflektieren und Weiterentwickeln lassen – und idealerweise einen direkten Bezug zu einer konkreten Unterrichtssituation haben. Nachhaltigkeit entsteht dann, wenn aus einem Fortbildungsimpuls eine eigene Erfahrung wird.

Jetzt zum spannendsten Teil: In der Umsetzungsphase entwickeln die Lehrkräfte eigene Projekte. Welches hat Sie am meisten überrascht – und was hat es an der Schule bewegt?

Mich beeindrucken besonders die Projekte, bei denen Lehrkräfte KI sehr selbstverständlich in ein konkretes pädagogisches Problem eingebunden haben. Da ging es beispielsweise darum, Lernmaterialien besser zu differenzieren oder Schülerinnen und Schüler individueller zu unterstützen. Spannend war zu beobachten, dass dadurch nicht nur neue Unterrichtsideen entstanden sind, sondern häufig auch Gespräche im Kollegium angestoßen wurden. Aus diesem Austausch sind nicht zuletzt auch Ideen und Lösungen für den nicht zu unterschätzenden administrativen Bereich von Schule entstanden – als bestes Beispiel habe ich eine Mittelstufenkoordinatorin vor Augen, die einen Chat-Bot erstellt hat in der Vorbereitung der Stufe auf Praktikumsbewerbungen und Formalia. Entlastung und Gewinn für alle Seiten!

Nicht jeder Versuch mit KI klappt auf Anhieb. Wie wichtig ist es Ihnen, dass darüber genauso selbstverständlich gesprochen wird wie über die Erfolge – und wie bekommt man das in einem Kollegium hin?

Das halte ich für ausgesprochen wichtig, denn Innovation ohne Fehler gibt es nicht oder wie ein geschätzter Mentor einmal sagte: Man muss „erfolgreich scheitern“, um zu lernen. Gerade bei KI muss man ausprobieren, kritisch prüfen und manchmal auch feststellen: Das war keine gute Idee. Eine solche Fehlerkultur entsteht aber nicht durch eine Vorgabe, sondern indem Führungskräfte und Multiplikatoren selbst offen über ihre Erfahrungen sprechen. Wenn das Kollegium merkt, dass nicht Perfektion, sondern gemeinsames Lernen gefragt ist, wird Ausprobieren deutlich leichter.

„Tu Gutes und sprich darüber“ scheint bei Ihnen Programm zu sein: Vieles bei Ihnen lebt von Vernetzung über die einzelne Schule hinaus. Wie sorgen Sie dafür, dass gute Ideen von einem Standort auch an den anderen ankommen?

Wir versuchen, gute Ideen sichtbar zu machen und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei sind für uns die Lehrkräfte selbst die wichtigsten Botschafter: Eine Kollegin, die von ihrem eigenen Projekt berichtet, erreicht andere oft viel unmittelbarer als eine zentrale Empfehlung. Deshalb haben wir schon vor Jahren ein #NetzwerkMedienBildung auf den Weg gebracht, mit dem wir bewusst Gelegenheiten schaffen für Austausch und Präsentation über die einzelnen Standorte hinweg. So entsteht nach und nach ein Netzwerk – getragen von engagierten Lehrkräften, in dem Erfahrungen geteilt werden und nicht jede Schule bei null anfangen muss.

Zum Schluss: Woran merken Sie, dass sich wirklich etwas verändert hat? Und worauf freuen Sie sich in den nächsten Jahren am meisten?

Eine echte Veränderung zeigt sich für mich nicht daran, wie viele KI-Tools eingesetzt werden, sondern daran, wie selbstverständlich über neue Möglichkeiten gesprochen und nachgedacht wird. Wenn Lehrkräfte sich gegenseitig Tipps geben, eigene Erfahrungen einbringen und auch kritisch hinterfragen, was sinnvoll ist, haben wir viel erreicht. Wenn Lehrkräfte sich trägerweit in Arbeitsgruppen und Taskforces engagieren und ihre Erkenntnisse und Leitplanken teilen, dann hat der Prozess, Schule nachhaltig zu wandeln, eine echte Chance. In den nächsten Jahren möchte ich deshalb vor allem sehen, dass aus einzelnen Projekten eine nachhaltige Kultur des gemeinsamen Lernens und Entwickelns entsteht. Und ich freue mich darauf, diese Entwicklung gemeinsam mit den Schulen weiter zu gestalten.

Wer mehr über unsere Erfahrungen und Best Practices erfahren möchte, kann unser Panel zum Thema ‚Vom Tool zur Transformation‘ am Donnerstag, 12.11.2026 um 15:15 Uhr beim Deutschen Schulträgerkongress besuchen. Wir freuen uns auf den Austausch mit anderen Trägern.

Kurzvorstellung

Monika Klapczynski leitet seit 2017 beim Erzbistum Berlin das Fachreferat Medienbildung, das 24 Schulen in eigener Trägerschaft begleitet. Selbst Lehrerin und Medienpädagogin, verantwortet sie deren technische und pädagogische Entwicklung. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf einer positiven „Kultur der Digitalität“ (F. Stalder), die in die Schulen hinein wirkt.