Der Träger trägt nicht mehr – oder: Warum Kommunen die eigentlichen Akteure der Bildungstransformation sind
Ein Beitrag von: Björn Adam von bewirken
Der Schulträger trägt – das ist seit Jahrzehnten klar. Gebäude, Ausstattung, Schülerbeförderung, technische Infrastruktur. Was weniger klar ist: Reicht das noch? Und wäre das überhaupt die richtige Frage?Im Interview erzählt Herr Kleene, wie sein Schulträger Schulen beim Einstieg begleitet, welche Unterschiede er in der Praxis erlebt und warum gemeinsames Lernen von Politik, Anbietern und Schulleitungen der Schlüssel für einen erfolgreichen Weg ist.
Ich begleite Schulen und Bildungsorganisationen in Veränderungsprozessen – als Organisationsentwickler, der Strukturen, Rollen und Prozesse mit einer gewissen Neugier für das Selbstverständliche betrachtet. Wenn ich mit diesem Blick auf das Zusammenspiel von Schulen und Schulträgern schaue, fällt mir auf: Die Kommunen haben mehr Hebel, als sie meistens nutzen. Und das, was sie als ihre Rolle verstehen, wurde nie wirklich pädagogisch begründet – es ist historisch gewachsen. Das ist ein Unterschied, der vieles erklärt was von außen, so auch bei mir, zu Stirnrunzeln führt.
Zwei Entwicklungen, eine Frage
Das deutsche Schulsystem steht vor zwei Herausforderungen gleichzeitig, die beide für sich allein schon einen Paradigmenwechsel erzwingen würden. Chancengerechtigkeit ist als Problem seit Jahrzehnten bekannt – und strukturell ungelöst. Gleichzeitig verändert KI gerade die Grundfrage, wozu Lernen überhaupt gut ist: nicht mehr Wissensbestände reproduzieren, sondern Handlungsfähigkeit entwickeln. Was ein Mensch 2035 braucht, entsteht nicht in der klassischen Unterrichtsstunde – das ist kein pädagogisches Versagen, sondern ein Organisationsproblem.
Wer das ernst nimmt, landet schnell bei einer unbequemen Frage: Wer trägt eigentlich Verantwortung dafür, dass sich Schule strukturell verändert? Die ehrliche Antwort ist: bisher niemand so richtig. Das Schulrecht teilt Zuständigkeiten zwischen Land und Kommune so auf, dass niemand den Gesamtblick hat. Innere Schulangelegenheiten – Personal, Unterricht, Lehrpläne – liegen beim Land. Äußere – Gebäude, Ausstattung, Transport – beim Träger. Diese Grenze ist historisch gewachsen, nie pädagogisch begründet worden, und sie erzeugt zuverlässig Entscheidungsblockaden, Innovationshemmung und Kooperationsbarrieren.
Die Rechtslage wird sich kurzfristig nicht ändern. Die interessantere Frage ist deshalb eine andere: Welche Verantwortung übernimmt eine Kommune für ihre Schulen – auch dort, wo sie es rechtlich nicht muss?
Mehr Hebel als gedacht
Kommunen entscheiden bereits heute über vieles, was Lernen direkt beeinflusst: Schülerbeförderung, digitale Infrastruktur, Betreuungszeiten, Sozialraumanbindung, bauliche Qualität. Das sind keine Randbedingungen – das sind Lernbedingungen. Hinzu kommt ein wachsender Investitionsdruck: Rund 55 Milliarden Euro Sanierungsstau bei Schulgebäuden zwingen Kommunen in den nächsten Jahren ohnehin zu großen Bauentscheidungen. Wer dabei nur bautechnisch denkt, verpasst eine strategische Gelegenheit. Im Schulbau hat sich der Begriff der Phase Null etabliert – die pädagogisch-räumliche Bedarfsplanung vor dem eigentlichen Planungsprozess. Aber die eigentliche Frage liegt noch davor: Welches Bild von Schule liegt unserer kommunalen Bildungsverantwortung zugrunde? Diese Frage gehört ins Rathaus.
Für Kommunen, die noch weiter gehen wollen, gibt es auch den Weg der kommunalen Ersatzschulträgerschaft – rechtlich in die Rolle freier Träger zu treten, um auch auf innere Schulangelegenheiten Einfluss nehmen zu können. Erste Beispiele zeigen, was möglich wird, wenn Träger- und pädagogische Verantwortung tatsächlich in einer Hand liegen. Ein etabliertes Modell ist das noch nicht – aber ein Hinweis darauf, was strukturell denkbar ist.
Das Schulcluster-Prinzip
Ein anderer, niedrigschwelligerer Ansatz beginnt mit der Frage, die eigentlich jeder Schulträger gemeinsam mit dem Schulamt stellen könnte: Welche Schulen in unserer Region haben ähnlichen Entwicklungsbedarf – und was wäre, wenn wir sie nicht einzeln begleiteten, sondern als strategische Einheit entwickelten? In Kanada – insbesondere in Ontario – funktioniert genau das seit Jahren über sogenannte School Families: Verbünde, in denen Schulen gemeinsam Zielbilder entwickeln, Ressourcen teilen und datengestützt voneinander lernen, ohne dass die Trägerstruktur sich grundlegend verändern muss. Großbritannien ist mit dem Academy-Modell einen anderen Weg gegangen: Schulen werden dort aus der kommunalen Trägerschaft herausgelöst und in Multi-Academy Trusts gebündelt, die mehrere Schulen pädagogisch und organisatorisch unter einem Dach führen – eine systemische Verschiebung, bei der die lokale Ebene ihre klassische Trägerrolle abgibt. Beide Modelle, so unterschiedlich sie sind, zeigen dasselbe Prinzip: Schulentwicklung auf Clusterebene funktioniert, wenn Verantwortung bewusst gebündelt wird – die Frage ist nur, wer sie trägt.
Bei beWirken erproben wir genau das gerade in Kooperation mit Schulträgern und Schulämtern: Schulen mit ähnlicher Ausgangslage werden gemeinsam als Cluster identifiziert und entwickelt – nicht als parallele Einzelprojekte, sondern als gemeinsamen Transformationsprozess mit koordinierten Interventionen, geteilten Ressourcen und systematischer Evaluation, die über die Projektlaufzeit hinausgeht. Der Träger bringt lokale Legitimität und Ressourcenverantwortung, das Schulamt systemische Fachlichkeit. Was wir nach ersten Experimenten klar sehen: Ohne diese Form strategischer Bündelung, ohne Kommunen, die ihre Schullandschaft als Ganzes in den Blick nehmen, werden wir den Wandel, den das System braucht, nicht hinbekommen. Einzelschulbegleitung allein reicht nicht.
Eine Entscheidung, kein Gesetz
Was mich dabei umtreibt: nicht die Frage, wie die Schule der Zukunft aussehen soll. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der ein System seine eigenen Grenzen unsichtbar macht – und wie viel Gestaltungsraum Schulträger dabei ungenutzt lassen.
Der Träger trägt nicht mehr – das gilt für den Träger, der weiter nur Infrastruktur bereitstellt. Aber er könnte neu tragen: als strategischer Entwicklungspartner, als Impulsgeber für Lernkulturwandel, als Akteur, der nicht verwaltet, sondern mitgestaltet. Dafür braucht es kein neues Gesetz. Es braucht eine Entscheidung.
Weiterführende Quellen & Links
- UnLearn School – Videoserie von beWirken (Pionierschulen im Portrait):
https://www.bewirken.org/unlearn-school - Strategische Unterstützung für Schulträger:
https://bewirken.org/angebote-schulbau/
Über den Autor:
Björn Adam ist Gründer von beWirken. Er begleitet als Unternehmer und systemischer Organisationsentwickler Unternehmen, Kommunen, Schulen und Organisationen in Strategie- und Veränderungsprozessen. Er verzahnt multiple Perspektiven aus Unternehmenswelt, der Politik- und Innovationsarbeit und tritt als Experte für eine neue Form von Bildung und Wirtschaften ein.